Persönliche Trauerfeier: Warum sie mir so am Herzen liegt
Eine persönliche Trauerfeier sollte vor allem von einem handeln: dem Menschen, von dem wir Abschied nehmen. Von seinem Leben. Seinen Geschichten. Seinem Humor. Seinen Macken. Von den Menschen, die er geliebt hat und von all den kleinen Dingen, die ihn unverwechselbar gemacht haben.
Eigentlich klingt das selbstverständlich. Ich habe aber selbst erlebt, dass eine Trauerfeier ganz anders aussehen kann. Und genau diese Erfahrung war einer der Gründe, warum ich heute als freier Trauerredner arbeite.
Bevor ich dir davon erzähle, möchte ich dir aber etwas zeigen.
So kann eine persönliche, freie Trauerfeier mit mir aussehen.
Der Moment, in dem ich wusste: Das möchte ich anders machen
Ursprünglich komme ich aus einer ganz anderen Ecke. Ich bin freier Trauredner und begleite seit Jahren Hochzeitspaare bei einem der wahrscheinlich schönsten Momente ihres Lebens.
Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum eigentlich nur Hochzeiten?
Der Gedanke, auch Trauerfeiern zu gestalten, war für mich lange ziemlich weit weg. Beerdigungen waren etwas Abstraktes. Etwas, womit ich mich nicht wirklich beschäftigt hatte. Als der Gedanke irgendwann konkreter wurde, fühlte er sich plötzlich erstaunlich logisch an.
Denn ein grosser Teil meiner Arbeit besteht schon immer darin, Menschen zuzuhören. Mich in ihre Geschichten hineinzuversetzen. Emotionen wahrzunehmen und daraus Worte zu finden. Und gerade in schwierigen Situationen gelingt es mir, Menschen Halt zu geben.
Den entscheidenden Moment gab es dann tatsächlich bei einer Beerdigung. Es war die Trauerfeier für den Opa meines Partners. Und sie war für uns furchtbar.
Nicht, weil eine Beerdigung natürlich traurig ist. Sondern weil die Trauerfeier so wenig mit dem Menschen zu tun hatte, wegen dem wir überhaupt dort sassen.
Es war eine katholische Trauerfeier. Vieles drehte sich um Gott, Glauben und religiöse Texte. Aber der Mensch, dessen Leben an diesem Tag eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, kam für unser Gefühl viel zu wenig vor.
Teilweise waren wir so irritiert über einzelne Momente, dass wir uns angeschaut haben und lachen mussten. Nicht aus Freude und schon gar nicht aus Respektlosigkeit. Sondern weil wir schlicht nicht fassen konnten, was wir gerade erlebten. Und ich weiss noch, dass ich damals dachte: Okay. Das möchte ich anders machen.

Foto: Bearbeitet/Erstellt mit KI // Eine persönliche Trauerfeier stellt den verstorbenen Menschen und seine Geschichte in den Mittelpunkt.
Warum eine persönliche Trauerfeier für mich so wichtig ist
Bei einer Hochzeit erscheint es uns mittlerweile völlig selbstverständlich, viel Zeit und teilweise auch viel Geld darin zu investieren, eine Zeremonie möglichst persönlich gestalten zu lassen. Ich selbst verbringe viele Stunden damit, die Geschichte eines Hochzeitspaares kennenzulernen.
Und bei einer Beerdigung?
Da geht es nicht um einige gemeinsame Jahre einer Beziehung. Da liegt plötzlich ein ganzes Leben vor uns.
Vielleicht 50, 70 oder 90 Jahre voller Geschichten. Beziehungen. Entscheidungen. Erfolge. Fehler. Macken. Freundschaften. Familienurlaube. Lieblingslieder. Streit. Versöhnung. Liebe. Und ausgerechnet bei diesem Abschied greifen wir häufig auf einen Ablauf zurück, den wir eben kennen.
Genau deshalb möchte ich zeigen, dass es eine Alternative gibt. Eine freie Trauerfeier kann genauso individuell gestaltet werden wie eine freie Trauung. Und bei einer persönlichen Trauerfeier mit mir gibt es deshalb eine ziemlich einfache Hauptrolle: Den verstorbenen Menschen.
Eine persönliche Trauerfeier darf alle Gefühle zulassen
Ich glaube nicht, dass eine gute Trauerfeier die Aufgabe hat, Menschen 40 Minuten lang möglichst traurig zu machen. Trauer ist sowieso da. Wir müssen sie nicht künstlich erzeugen. Viel wichtiger finde ich die Frage: Was kann uns dabei helfen, Abschied zu nehmen?
Und für mich gehört dazu, noch einmal zurückzublicken. Auf die grossen Geschichten und die völlig belanglosen Kleinigkeiten. Noch einmal einen Lieblingssong zu hören. Noch einmal über eine typische Macke zu lachen. Noch einmal zu spüren, warum dieser Mensch für uns so wichtig war.
Natürlich darf dabei geweint werden. Es darf wehtun. Es darf für einen Moment auch bittertraurig sein. Aber fünf Minuten später darf genauso herzlich gelacht werden. Denn auch das gehört zu diesem Menschen und zu seinem Leben.
Ich finde sogar: Eine persönliche Trauerfeier darf sich wie das Leben selbst anfühlen. Mal lustig. Mal emotional. Mal wunderschön. Und manchmal verdammt traurig.
Ich möchte keinen Lebenslauf vorlesen
Natürlich gehören wichtige Stationen eines Lebens in eine Trauerrede. Aber Jahreszahlen erzählen mir noch lange nicht, wer ein Mensch wirklich war. Mich interessiert: Wie hat er gelacht? Worüber konnte sie sich fürchterlich aufregen? Welcher Satz fiel ständig? Welche Geschichte erzählen die Freunde wahrscheinlich noch in 20 Jahren? Welche Musik gehörte zu diesem Menschen? Und welche kleine alltägliche Sache fehlt den Angehörigen heute vielleicht mehr, als sie jemals erwartet hätten?
Genau daraus entsteht für mich eine persönliche Trauerfeier. Ich möchte nicht einfach erzählen, was ein Mensch gemacht hat. Ich möchte noch einmal spürbar machen, wer dieser Mensch war.
Frei bedeutet nicht: Hauptsache anders
Dabei möchte ich mit einem Missverständnis aufräumen. Eine persönliche oder freie Trauerfeier muss nicht möglichst aussergewöhnlich sein. Sie muss nicht im Wald stattfinden. Niemand muss ein ausgefallenes Ritual erfinden. Und auch eine freie Trauerfeier darf traditionelle Elemente enthalten.
Für mich bedeutet «frei» etwas viel Einfacheres: Wir können bei jeder Entscheidung fragen: «Passt das zu diesem Menschen? War dieser Mensch religiös und hat ihm sein Glaube viel bedeutet? Dann darf Religion selbstverständlich ihren Platz bekommen. Hat Religion dagegen während seines gesamten Lebens überhaupt keine Rolle gespielt? Dann sehe ich keinen Grund, warum Gott ausgerechnet bei seinem Abschied plötzlich die Hauptrolle übernehmen sollte. Auch eine vollständig konfessionslose Beerdigung ist möglich.
Entscheidend ist für mich nicht, ob etwas modern, traditionell, aussergewöhnlich oder besonders kreativ ist. Es muss passen.
Foto: Bearbeitet/Erstellt mit KI // Eine freie Trauerfeier darf genauso individuell sein wie der Mensch, von dem Abschied genommen wird.
Musik macht eine persönliche Trauerfeier noch persönlicher
Musik spielt deshalb auch bei meinen Trauerfeiern eine grosse Rolle. Denn manchmal braucht ein Song nur wenige Sekunden und plötzlich ist eine Erinnerung wieder da. Der Urlaub. Die Autofahrt mit Papa. Die Küche von Mama. Die Party mit dem besten Freund.
Deshalb setze ich Musik nicht einfach nur am Anfang und am Ende einer Trauerfeier ein. Ich kann sie gezielt mit meiner Rede verbinden, Geschichten damit inszenieren und Emotionen verstärken. Und es muss definitiv kein klassisches Trauerlied sein.
Wenn ein Mensch sein Leben lang einen bestimmten Song geliebt hat, dann kann genau dieser Song für seinen Abschied richtig sein. Selbst wenn irgendjemand behauptet: «Das spielt man doch nicht auf einer Beerdigung.» Warum nicht? Es ist seine Beerdigung.
Was ich mir für die Angehörigen wünsche
Mein Ziel ist nicht, dass Angehörige nach einer Trauerfeier zu mir kommen und einfach sagen: «Das war eine schöne Rede.» Natürlich freue ich mich darüber. Aber viel mehr würde mir bedeuten: «Das hat mir geholfen, Abschied zu nehmen.»
Eine Beerdigung wird den Verlust nicht leichter machen. Und eine Trauerrede nimmt niemandem die Trauer. Aber ich möchte nicht, dass Menschen nach einer Trauerfeier nach Hause gehen und sich schlechter fühlen als vorher, weil sie gerade 40 Minuten erlebt haben, die ihnen nichts gegeben haben.
Vielleicht kann eine persönliche Trauerfeier stattdessen ein kleines bisschen Erleichterung geben. Weil man geweint hat. Weil man gelacht hat. Weil Erinnerungen wieder da waren. Und weil man gemeinsam noch einmal auf dieses eine Leben geschaut hat.
Und meine eigene Trauerfeier?
Wie meine eigene Beerdigung irgendwann einmal aussehen soll? Keine Ahnung. Darüber habe selbst ich mir bisher erstaunlich wenig Gedanken gemacht. Ein paar Dinge weiss ich allerdings ziemlich genau.
Wenn bei meiner Trauerfeier niemand lacht, ist etwas gewaltig schiefgelaufen. Wenn plötzlich über Gott gesprochen wird, ebenfalls. Und bitte spielt keine Musik, die ich nicht mag, nur weil irgendjemand findet, dass sie für eine Beerdigung angemessen klingt.
Es darf traurig werden. Es soll sogar traurig werden. Aber bitte nicht die ganze Zeit. Denn so bin ich auch nicht.
Und vielleicht steckt genau darin meine ganze Haltung zu einer persönlichen Trauerfeier: Wir müssen einen Menschen beim Abschied nicht plötzlich in eine Form pressen, die überhaupt nicht zu ihm passt. Wir dürfen lachen. Weinen. Erinnern. Feiern. Vermissen. Und irgendwann loslassen.
Und wenn die Angehörigen am Ende sagen können: «Ja. Genau so war er.» Dann haben wir diesem Menschen einen Abschied geschenkt, der wirklich seiner war.
Das ist der Grund, warum mir persönliche Trauerfeiern so sehr am Herzen liegen.
Autor: Robino Rich – freier Trauredner


